Möhle: „Mir persönlich ist es ein Anliegen, die Zahl der Abbrecher zu minimieren.“

Interview mit Handwerkskammerpräsident Reiner Möhle.

Herr Möhle, rund 100 Tage als neuer HWK-Präsident haben Sie rum. Was war für Sie bislang die größte Herausforderung Ihrer neuen Aufgabe?
 

Die Herausforderungen kommen noch. Aufgrund meiner vorherigen Funktionen bin ich auf meine neue Aufgabe sehr gut vorbereitet gewesen. Was mich sehr gefreut hat, ist das hohe Maß an Wertschätzung und Achtung, die mir als Präsident der Handwerkskammer von Beginn an entgegengebracht wurde. Das habe ich so nicht erwartet und hat auch meine Achtung von dem Amt noch einmal gesteigert.

 

Gerade hat das Ausbildungsjahr begonnen. Wie zufrieden sind Sie mit den Zahlen?
 

Mit den aktuellen Zahlen bin ich sehr zufrieden. Wir sind auch in diesem Jahr bundesweiter Ausbildungsmeister, in keinem Kammerbezirk gibt es in Relation zur Zahl der Betriebe so viele Azubis. Nach leichten Rückgängen in den vergangenen haben wir jetzt schon eine acht Prozent höhere Quote. Manche Betriebe hatten über einen langen Zeitraum die eigene Nachwuchsgewinnung vernachlässigt und vergessen, dass der beste Nachwuchs aus der eigenen Ausbildung und der anschließenden ordentlichen Übernahme kommt. Was wir jetzt beobachten, ist ein gegensätzlicher Trend. Es bilden wieder mehr Betriebe aus. Das schafft ein höheres Angebot und damit mehr Ausbildungsmöglichkeiten.

 

Die Ausbildungsvergütung steht immer mal wieder in der Kritik. Nun plant die Große Koalition in zwei Jahren eine Mindestausbildungsvergütung. Für Sie ein Schritt in die richtige Richtung?
 

In Sachen Ausbildungsvergütung ist in vielen Gewerken in den  letzten Jahren viel passiert. Wir müssen uns nicht verstecken – auch wenn die Spanne der Vergütungen zwischen den Berufen groß ist. Das macht natürlich einige Ausbildungen interessanter als andere. Was man aber nicht vergessen darf: Eine Ausbildungsvergütung ist kein Gehalt! In anderen Branchen wie der Pflege muss für die Ausbildung gezahlt werden.
 

Gerade auf kleine Betriebe hätte eine Mindestausbildungsvergütung enorme Auswirkungen. Was sie zahlen, muss auch erwirtschaftet werden. Das heißt entsprechend auch, dass der für den Kunden ausgewiesene Lohn auf den Rechnungen steigt. Ob das jeder mitmacht? Betriebe bräuchten eine Gewähr, dass sich ihre Investition in den Auszubildenden lohnt und dieser anschließend im Betrieb bleibt. Das war in der Vergangenheit oft nicht der Fall, das ist problematisch.
 

Geld ist nur ein Aspekt, um junge Menschen für einen Beruf zu begeistern. Auch Arbeitszeit, das Umfeld, Festanstellung oder Zeitvertrag spielen eine Rolle. Kann das Handwerk mit der Industrie mithalten?
 

Locker! Wir müssen uns vor Industriegehältern nicht verstecken. Diese Schere ist erheblich kleiner geworden. Wo das Handwerk zusätzlich mit punktet, sind die Softfaktoren. Wir haben unglaublich innovative und engagierte Betriebe, das ermöglicht Mitarbeitern viele spannende Arbeiten. Und die starken Familienbetriebe ermöglichen eine persönliche Beziehung, sodass vielleicht auch das eine oder andere Problem außerhalb des Betriebs gemeinsam gelöst werden kann. Der Mitarbeiter ist keine Nummer.

 

Müssten diese Softfaktoren vom Handwerk besser verkauft werden?
 

Ohne wenn und aber. Es braucht jedoch insbesondere mehr Wertschätzung für das Handwerk. Gerade auch, was unsere Ausbildungsleistung angeht. Dass wir in Deutschland eine so niedrige Jugendarbeitslosigkeit haben, ist insbesondere den Handwerksbetrieben zu verdanken.

 

Und dennoch ist das Image der Industrie oftmals besser.
 

Der Ausspruch „Handwerk hat goldenen Boden“ ist immer noch richtig, Handwerker selbst sind jedoch zu einer Art „notwendigem Übel“ geworden. Wir sehen das auch bei Ausbildungsmessen, wenn Jugendliche mit ihren Eltern da sind. Letztere wollen immer noch lieber einen Beruf für ihr Kind, wo man sich nicht schmutzig macht und der besser angesehen ist. Warum unser Image schwächer geworden ist, kann ich mir nicht erklären. In anderen Ländern sind Handwerker wie wir Industriebetriebe. Da gibt es entsprechend auch das Imageproblem nicht.

 

Wo besteht dann Nachholbedarf?
 

Es gibt Optimierungsbedarf, keinen Nachholbedarf. Wir brauchen zum Beispiel eine noch bessere Verzahnung mit den Hochschulen. Unter anderem müssen wir es schaffen, mehr gut ausgebildete junge Leute in der Region und auch im Handwerk zu halten. Auch der Automatismus einer Einbahnstraße vom Abitur zur Uni muss durchbrochen werden. Dazu müssen wir die Zusammenarbeit mit den Schulen und vor allem den Gymnasien stärken. Lehrer müssen auch das Handwerk auf dem Schirm haben. Immerhin haben wir aktuell eine Abiturientenquote unter den Azubis von 15 Prozent, Tendenz steigend.
 

Nachholbedarf sehen wir beim Thema Elektromobilität – allerdings nicht bei uns, sondern der Industrie. Unsere Betriebe würden gerne investieren und das Handwerk ist aufgrund der kurzen Strecken für Elektrofahrzeuge prädestiniert. Es gibt jedoch aktuell für uns kein geeignetes Angebot. Auch das Postauto ist als reines Lieferfahrzeug keine Alternative für unsere Betriebe, die mit Werkzeug, Maschinen, Regalen etc. unterwegs sind. Bei Fahrverboten schauen wir in die Röhre.

 

Wo liegen für Sie die Stärken der Region?

Die hohe Zahl der eigentümergeführten Familienbetriebe zeichnet uns aus. Hinzukommt, dass wir eine wirtschaftlich sehr ausgeglichene Region haben mit vielen Juwelen, die für die Raumfahrt arbeiten oder auch am Südpol Projekte umgesetzt haben. Das wissen die Wenigsten. Und die Bevölkerung wie die Betriebe sind mit der Region verbunden. Davon profitieren wir, denn die Leute wollen bleiben, sind vernetzt. Vielleicht verkaufen wir unsere Vorzüge zu schlecht.

 

Das große Schlagwort ist aktuell „Digitalisierung“. Wie weit ist das Handwerk in der Region?
 

Wir haben seit Jahren eine digitale Lehrplattform und sind mit drei Kompetenzzentren sehr gut aufgestellt. Für unsere Betriebe ist Digitalisierung selbst also kein Thema, sondern das Weiterlernen. Ich sehe vor allem die Chancen, wenn Hilfsmittel wie die VR-Brille unsere Mitarbeiter unterstützen.

 

Wie viel „Hand“ wird im „Handwerk“ übrig bleiben?
 

Wir bleiben Hand-Werker – mit Zusatzqualifikation. Werkstätten und Lager sind und werden digitaler, dennoch müssen Rohre immer noch angefasst werden, ebenso ist die Vorbereitung des Catering der Fleischer immer Handarbeit. Aber die Arbeit wird aufgrund der technischen Weiterentwicklung schneller, schwere Arbeit wird minimiert. Auch das macht das Handwerk attraktiver – auch für Frauen.

 

Seit Langem fordern Sie eine Rückkehr zum Meisterbrief. Prominent genannt werden die Probleme der Fliesenleger und Raumausstatter. Haben andere Gewerke weniger damit zu kämpfen?
 

Die beiden genannten Berufsbilder haben sicherlich den dringendsten Handlungsbedarf, denn die Ausbildungsleistung ist nachweislich rapide gesunken. Andere Gewerke sind es wert, dass die Meisterqualifikation wieder eingeführt wird, dazu zählen die Goldschmiede. Dass in diesem hochwertigen Beruf keine Qualifikation mehr erforderlich ist, kann nicht sein. Da fehlt die Wertschätzung. Man fühlt sich ein bisschen wie die Zweite Liga. Das sorgt innerhalb des Handwerks für hohe Wellen.
 

Gegner der Meisterpflicht führen die Öffnung des Marktes für ausländische Unternehmer an.
 

Es ist eine völlig paradoxe Situation, dass wir unsere Meisterqualifikation kampflos aufgegeben haben, nur weil es diese in anderen Ländern nicht gibt. Wir müssen uns für die Qualifizierung nicht entschuldigen. Es gibt eine Vielzahl von Berufen, die nur mit einem abgeschlossenen Studium oder einer Ausbildung als Selbstständiger ausgeübt werden dürfen. Bei den Meistern tun wir so als wenn das egal wäre. Daher ist es gut, dass die rechtliche Möglichkeit einer Rückkehr zur Meisterpflicht analysiert wird.

 

Seit Kurzem gibt es im Kammerbezirk einen Meisterclub. Wie ist die erste Resonanz und was will man mit ihm bezwecken?

Wir sind bei etwas über 200 Mitgliedern. Ziel ist es, dass junge Meister aus der Region eintreten und sich engagieren – hoffentlich später auch im Ehrenamt. Wir hoffen, durch den Meisterclub die Anonymität aufzuheben, in der die jungen Meister sonst oft verschwinden, und wir sie besser vernetzen und mit Informationen abseits ihres Faches besser versorgen können. Vor allem kleinere Betriebe werden davon profitieren.

 

Nun ist bis zur nächsten Präsidentenwahl noch ein wenig Zeit. Welche Themen brennen Ihnen unter den Nägeln?
 

Wir sind als Kammer gut aufgestellt, dürfen uns aber nicht ausruhen. Unsere Bildungswerke müssen zum Beispiel noch enger zusammenarbeiten. Und auch über die Entwicklung unserer Werkstätten müssen wir uns Gedanken machen. Wir haben zwar jetzt ein starkes Plus in den Lehrlingszahlen, wissen aber auch, dass es langfristig weniger werden. Da müssen wir schauen, wie wir die Werkstätten optimieren, denn wir wollen die Nähe zu den Ausbildungsplätzen. Gerade erst haben wir die schulische Ausbildung für Straßenbauer nach Osnabrück bekommen und die Zahlen sind sogar so, dass wir zwei Berufsschulklassen einrichten können. Bei anderen Berufen wird sich zeigen, ob wir alles am Standort halten können. Die Bedarfe analysieren wir gerade. Vielleicht müssen wir reagieren und andere Cluster bilden. Das wird eine große Aufgabe sein.

Und mir persönlich ist es ein Anliegen, die Zahl der Abbrecher zu minimieren. Es ist nicht so, dass der Zahl der offenen Lehrstellen gar keine Bewerber gegenüberstehen. Aber wir haben ein Passungsproblem, wobei das nicht neu ist.


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